Wer machte jenes Gesetz, welches befiehlt, den schwarzen Weg zu gehen, um in einem Krieg den Frieden zu finden?

Created by Karl Merkatz |

Vor 75 Jahren endete der schrecklichste aller Kriege – der Zweite Weltkrieg! Der bald 90-jährige Schauspieler Karl Merkatz erklärte sich auf Bitte von Kurator Bischofsvikar Militärdekan Mag. Dr. Christian Thomas Rachlé bereit, nachfolgenden Beitrag für das Schwarze Kreuz zu verfassen. Darin erinnert er sich mit den Worten eines großartigen Theater- und Filmschauspielers an seine Kindheit zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als Mahnung für alle, alles zu unternehmen, dass sich solches nicht wiederhole! So macht er sich auch zum Botschafter des Schwarzen Kreuzes im Sinne unseres Mottos - Arbeit für den Frieden!

Es war der 11. November 1938. Am 17. November wurde ich acht Jahre. Wir wohnten in der Wienerstraße (in Wiener Neustadt – Anm. d. Red.), ich wusste, dass um die Ecke der Judentempel war, wir nannten ihn später Synagoge. Etliche Leute standen und Lastautos kamen und Menschen wurden abgeladen und mussten in den Tempel hinein gehen. Ich stand am Zaun und musste sehen, Menschen die ich kannte. Einige aus dem Papiergeschäft, wo die Mutter das Petroleum holte. An der Seite stand eine lange Leiter, auf der ein Mann im weißen Hemd den David-Stern mit einem Hammer zerschlug und die Steine den Leuten auf den Kopf fielen.
Es war ein Geschrei! Da holte mich meine Mutter weg.
 
Jahre später, wir mussten Hitlerjunge sein. Es war Sonntag, Kurt und ich waren Ministranten, kamen aus dem Dom.
Gegenüber war das HJ-Heim und die Pimpfe mussten aufmarschieren. Der Fähnleinführer sah uns und befahl uns zu kommen, wir aber liefen davon. Er schrie uns nach: „Wir holen euch.“ Wir beide liefen zu mir nach Hause, sperrten uns ein und krochen unter die elterlichen Betten. Wir wohnten Parterre. Nach einige Minuten stand das Fähnlein vor unseren Fenstern und der Fähnleinführer schlug an die Tür: „Wenn du nicht zum Heimabend kommst, holen wir deinen Vater ins KZ.“ Beim nächsten Kriegsspiel im Wald, erwischte ich den Fähnleinführer, ich war ein Feind, sprang ihn an und schlug ihn im Gesicht, bis ihm das Blut aus der Nase kam. Es wurde abgebrochen.

Einige Jahre danach hörten wir die Alarm-Sirenen. Es war die Zeit, als Wiener Neustadt von den amerikanischen Festungsbombern angegriffen wurde. Etwa zwei Jahre erfolgten immer wieder Bombenangriffe. Die Schulen wurden geschlossen und wir wurden aufs Land evakuiert. Meine Eltern hatten die Möglichkeit, als Familie beisammen zu bleiben. Wir bekamen ein Zimmer bei einer Kleinhäuslerin mit zwei behinderten Kindern. Es kam die schwerste Zeit im Krieg, als die Russen kamen. Sie kamen in die letzten Ecken. Deutsche Soldaten gab es keine mehr. Als die Russen durch das Tal kamen, versteckten wir uns hinter dem Haus in einer alten Kalkgrube. Plötzlich standen russische Soldaten hinter uns und schossen über uns mit einem Maschinengewehr durch den Wald.

Die weitere Zeit, war die schlimmste in meinem Leben. Wir konnten die nächsten Tage bei einem Bauern in der Stube warten. Es musste mein Vater Wodka trinken und es waren noch zwei Wiener, eine alte Frau und die Bauernleute dabei. Die alte Frau sagte immer: „Der Kaiser kommt. Der Kaiser kommt.“ Ich saß, dreizehn Jahre war ich vorbei, auf einer kleinen Bank vor dem Fester. Ein Soldat mit etlichen Auszeichnungen auf der Uniform setzte sich mit einem Stuhl vor mich hin, blickte mich freundlich an, legte ein weißes Tuch über seinen Schoß. Nahm aus seiner Hose einen großen Revolver, zerlegte ihn in seine Teile. Blickt mich an, ob ich es verstehen würde. Zeigte mir, wie er ihn wieder zusammenbaute. Schaute mich an und füllte die Trommel mit sechs Patronen, klappte die Trommel zu, zog den Abzug auf, legte den Finger an den Auslöser, setzte mir den Revolver an die Stirne … und schoss über meinen Kopf in die Wand.
Als ich vor längerem den Bauern besuchte, es war nur mehr sein Sohn da, war das Loch mit der Pistolenkugel noch zu sehen. 
 
 

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Karl Merkatz (r.) mit Kurator Militärdekan Dr. Christian Rachlé