In fremder Erde bestattet – aber nicht vergessen

Erstellt von Alexander Barthou, Generalsekretär |

Kriegsgefangene im Ersten und Zweiten Weltkrieg in Tambow

TAMBOW, Dezember 2020: Leise sickert der Nebel über die Wipfel der Bäume und beginnt der Morgensonne zu weichen. Inmitten der Wälder ein Friedhof, zugehörig zum Gefangenenlager Nr. 188 in Rada bei Tambow. Ein dunkles Holzkreuz, ringsumher kleinere Grabkreuze und alles umstrahlt von der weißen Marmorsäule einer Frauengestalt, die sich über die hier Bestatteten beugt.

Offizielle russische Quellen sprachen anfangs von knapp 2.000 Kriegsopfern, die hier begraben wurden. Nach jüngsten Forschungen sollen es aber über 30.000 sein. Ehemalige Soldaten der österr.-ung. Armee, der Deutschen Wehrmacht, darunter auch Elsässer (heute Franzosen), Italiener, Rumänen und Ungarn, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit der Wehrmacht in Russland gekämpft haben und hier interniert wurden – darunter auch russische Soldaten. In den Gräbern sind sie alle vereint. Es trennt sie weder Ideologie, noch staatliche oder religiöse Zugehörigkeit.

Anfangs in Erdbunkern untergebracht fristeten sie ihr Dasein, dahingerafft von Hunger und Krankheit, bis ein kilometerlanges Barackenlager entstand und sich die Verhältnisse „normalisierten“. Bei den hohen Sterblichkeitsraten 1944/45 sind Massengräber mit 400-500 Toten ohne Bezeichnung angelegt worden. Noch 1945/46 verstarben noch immer etwa 200 Mann monatlich an Lungenentzündung und Ruhr. Letztere ausgelöst durch das brackige Trinkwasser aus den Sümpfen – die Wasserleitungen waren eingefroren.

Bis 1990 war das Lager und die Situation vor Ort eine „Terra incognita“. Durch die Teilnahme des russischen Botschafters Waleri Nikolayewitsch Popow in Österreich an einer Gedenkveranstaltung für gefallene Sowjetsoldaten im Kriegerfriedhof Fürstenfeld hat eine Spontanaktion des damaligen Landesgeschäftsführers des Österr. Schwarzen Kreuzes – Kriegsgräberfürsorge (ÖSK) in der Steiermark ÖkRat Peter Rieser für eine Sensibilisierung des Themas geführt. Er (Rieser) ließ einen Zaun mitten im Friedhof zwischen den dort bestatteten russ. Soldaten und Wehrmachtsangehörigen niederreißen. Seine Begründung: „Im Tode sind alle gleich, da gibt es weder Sieger noch Besiegte“, daher braucht es hier auch keinen Zaun mehr! Der russische Botschafter nahm diese Mitteilung in seine Heimat mit – und stieß bei der zuständigen Gebietsverwaltung in Tambow auf offene Ohren. Schon der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat hier und Umgebung Nachforschungen um die dort Verstorbenen geführt. Die Franzosen schlossen sich an. Die Idee des Peter Rieser war es, erste Sanierungsarbeiten vor Ort durch einen Jugendaustausch einzuleiten. Davor waren noch die langwierigen Behördenwege einer Lösung zuzuführen. Und diese gelang, sodass der Besuch im Jahre 1991 tatsächlich zustande kam. Jugendliche aus Österreich besuchten Tambow und im Gegenzug kamen russische Jugendliche nach Österreich in die Steiermark. Von der kulturellen - über Bildungseinrichtungen hin zu den Soldatenfriedhöfen und der praktizierten Erinnerungskultur war im Gedankenaustausch alles inbegriffen. Über den Erfolg durfte der Obmann des ÖSK Landesstelle Steiermark auch dem österr. Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim in der Wiener Hofburg berichten. Die geleistete Arbeit der Jugendlichen in Tambow schlug sich in einem Protokoll nieder, unterfertigt neben dem ÖSK Vertreter Rieser durch den Abgeordneten der Volksdeputierten Alexander Sabetow und dem Vorsitzenden des Tambower Büros für Internationalen Jugendtourismus „Sputnik“ Viktor Akulin. Es enthielt einen Masterplan für eine langfristige Entwicklung der Jugendkontakte beider Länder, der auch die Pflege und Erhaltung der Kriegsgräber für deutsche, österreichische und russische, italienische und nunmehrig französische Soldaten beinhaltete.

Im Jahre 1992 fand zu diesem Thema ein internationales Seminar in Tambow statt. Die Teilnehmer besuchten zu Beginn den wiedererrichteten Lagerfriedhof in Rada und stellten dabei fest, dass man erst am Anfang einer gedeihlichen Entwicklung der Völkerverständigung stand. Hierbei wurde der Entschluss gefasst, ein Denkmal der besonderen Art vor Ort zu errichten. Dieses sollte einfach, nicht pompös und finanziell nicht zu aufwendig sein. Der ÖSK-Kurator Ing. Peter Sixl stellte das angestrebte Ziel mit den Worten „Es ist notwendig, eine Stelle zu schaffen, wohin ALLE kommen können, unabhängig von religiösen, nationalen und sozialen Ansichten!“ weiteren Planungen voran.

1994 war es dann soweit, dass im Rahmen eines 2. Seminars und neuerlich stattgefundenen 2. Jugendlager dem Entwurf vom Tambower Architekten Kulikov für ein gemeinsames Denkmal am Friedhof von Tambow-Rada der Vorzug gegeben wurde. Das beigefügte Foto stellt die Symbolik der Frauengestalt als Mutter des Friedens in den Vordergrund. Sie schwebt gleichsam über die tausenden von Toten, die hier die ewige Ruhe gefunden haben.

Das Seminar selbst schloss wiederum mit einer Resolution, worin der Gebietsleiter für die Bereiche Kultur und Soziales Herr Penkov einleitend feststellte: „Den Krieg beginnen die Politiker und zahlen muss immer das Volk! Gemeinsam sollen daher mit den regionalen und überregionalen Behörden, wie der Administration Tambow, Iskatel Tambow und der Assoziation Wojennyje Memorialy und den beteiligten ausländischen Kriegsgräberorganisationen, die noch vielen ungeklärten Schicksale der verstorbenen Kriegsgefangenen einer Aufklärung zugeführt werden!“

Zugleich begann der Austausch von Handelsbeziehungen auf Länderebene und der Besuch russischen und österreichischer Volksmusikgruppen, die die Eigenart des bodenständigen Musizierens dem jeweils anderen Kulturkreis näherbrachten. Juristen aus der Steiermark legten den Grundstein für den Aufbau einer Handelskammer in Tambow, die sich mittlerweile zu einem florierenden Miteinander entwickelt hat. Dazu haben auch die offiziellen Besuche von Politikern und hohen Beamten beigetragen.

Es gibt daher noch viel zu tun. Zuerst gilt es noch die Arbeit der Franzosen einer besonderen Würdigung zu unterziehen. Im Beisein des französischen Botschafters haben die Vertreter aus dem Elsass die Gedenkveranstaltung im Jahre 2020 besucht um das Andenken an ihre Verstorbenen hochgehalten. Der Dank gilt insbesondre auch Direktor Alexandr Zaytsev, der sich unermüdlich bemüht die Ideen der Gründerväter hochzuhalten und die Inhalte der Protokolle „peu a peu“ umzusetzen.

Das ÖSK unterstützt dabei ideell wie auch bei Bedarf materiell, getreu seiner Devise als „Arbeit für den Frieden!“

 

                        

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Kreuz und Denkmal für die bestatteten Soldaten am KGF Tambov-Rada Nr. 188